Zur kommunikativen Hervorbringung von Moral zur Zeit des Nationalsozialismus

Mark Dang-Anh & Stefan Scholl

Wird der Blick auf zurückliegende historische Phasen gerichtet, ist schnell ersichtlich, dass moralische Normen und Werte wandelbar sind. Dies gilt im Speziellen für die Zeit des Nationalsozialismus, dessen Anhänger*innen das Projekt einer moralischen Umerziehung auf völkisch-rassistischer Grundlage verfolgten. Eine diskurslinguistische, auf den Sprachgebrauch fokussierte Perspektive sieht sich der Aufgabe gegenüber, die sprachliche Konstitution von Norm- und Wertvorstellungen im historischen Kontext herauszuarbeiten. Dies ist gerade dann von Bedeutung, wenn seitens der diskursanalytisch orientierten Sprachwissenschaft der Versuch unternommen wird, selbst normative Maßstäbe an die untersuchten Gegenstände heranzutragen. Die historische Verortung kann hier dabei helfen, Wandelbarkeit, Geworden-Sein und Nicht-Selbstverständlichkeit des Moralischen zu reflektieren. Da Norm- und Wertvorstellungen einen großen Teil politischer und alltäglicher Kommunikation durchdringen, stellt ihre Analyse zugleich einen wichtigen Beitrag zum Verständnis historischer Dis-kurskonstellationen und hierhin aufzuweisenden Sprachgebrauchs dar.
Die Ausführungen im Beitrag sind als Versuch zu verstehen, unterschiedliche Wege zu einer solchen historischen Sprachgebrauchsanalyse am Beispiel der kommunikativen Hervorbringung von Moral zur Zeit des Nationalsozialismus aufzuzeigen. Die ethische Bewertung ist hierbei erst der zweite Schritt, denn zunächst geht es um die alltagssprachlich konstituierte Moral der Sprechenden (vgl. Bergmann/Luckmann 1999) und somit um die Analyse der Moralkommunikation im Nationalsozialismus. Moral kann, in Anlehnung an Warnkes Überlegungen zum Diskurs, als „historisch relative[s] Konstrukt[]“ (Warnke 2013: 102) aufgefasst werden. Erst wenn wir die sprachlich-kommunikative Hervorbringung von Normen und Angemessenheitsvorstellungen historisch kontextualisieren und ihrer moralkonstitutiven Wirkmächtigkeit sprachanalytisch Rechnung tragen, gelangen wir zu einem Fundament möglicher ethischer Urteile über die Moral der Sprechenden.

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